Die Kriegerin der Winde

Monatelang reist sie gen Osten. Dreißig Tage dauert ihr Widerstand, weil der Eintritt in ein Kloster Frauen verwehrt bleibt. Durch ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bricht sie eine jahrtausendealte Tradition – und wird als „Kriegerin der Winde“ aufgenommen, um Stärke und Weisheit zu lehren.

Die Kriegerin der Winde

Monate war sie gereist. Von einem Ort an den nächsten. Durch alle Widrigkeiten hindurch. Sie lernte, mit sich alleine klarzukommen. Auf sich gestellt, durchquerte sie Landstriche, Landstreicher und Gefahren, die nur die Mutigsten unter uns bewältigen. Sie hatte kein Ziel und wusste gleichzeitig genau, wo sie hingehen wollte. Eines Abends, am Fuße eines großen Berges, traf sie einen anderen Wanderer. 

»Was machst du zu so später Stunde und noch dazu, offensichtlich ohne Weggefährten, an diesem gefährlichen Ort?«. Seine Stimme war von einer Klarheit, die sie an etwas erinnerte, von dem sie nicht wusste, was es war. Nur, dass es das ist, was sie in ihrem Leben suchte. Als kleines Mädchen ohne Eltern – selbst gewählt – wusste sie, auf sich aufzupassen. 

»Offensichtlich bin ich auf Reisen, falls ihr das nicht seht. Und nun geht mir aus dem Weg, Fremder«, sagte sie in ihrer unablässigen Art. Sie kannte keine Furcht. Hatte keine Angst vor dem Tod. Würde er kommen, sie würde ihm einen Kampf abverlangen, den er bisher nicht erlebte. Und sollte er gewinnen, dann starb sie als Heldin. »Seid vorsichtig auf diesem Pfad. Nicht wenige vor Euch sind niemals dort angekommen, wo sie wollten. Das Land, das ihr im Begriff seid zu betreten – es ist anders. Voller Gefahren, die wir im Westen der Hemisphäre nicht kennen«. Er meinte es gut. Doch sie war starrsinnig wie eine alte Katze. »Ich kann ausgezeichnet auf mich alleine aufpassen. Habt Dank für Eure Fürsorge. Sagt mir lieber, wo ich einen Platz zum Schlafen finde. Mein Herz zieht mich unablässig in Richtung Osten und ich werde nicht ruhen, bis ich Antwort finde.« 

Er war sichtlich beeindruckt von ihrer Entschlossenheit. Empfahl ihr ein Gasthaus. Ein letzter, sicherer Hafen, ehe das Wilde Land im Osten beginnt. Als sie dort ankam, war sie überrascht, was selten vorkam. Das Gasthaus war zum Bersten gefüllt. Laute Stimmen drangen von drinnen ins Dunkle zu ihr nach draußen. Es war Nacht geworden. Sie fror am ganzen Leib, doch das war sie längst gewohnt. Was ihr fehlte, war Schlaf und etwas zu essen. Seit drei Tagen hatte sie nichts mehr zu sich genommen und setzte einfach ihre Route ins Ungewisse fort. 

Sie betrat das Gasthaus und war geblendet von seiner Schönheit. Obwohl einfach, strahlte er etwas aus, von dem sie unmerklich spürte: Das ist, was sie suchte. Die Widerstände ihres Lebens formten sie. Gaben ihr das Schwert der Klarheit, das nicht viele Menschen besitzen. Im Gegensatz zu den meisten, die sie traf, sprach sie aus, was sie dachte und fühlte. Sie lebte ihre Wahrheit und es war ihr gleichgültig, was andere davon hielten. So auch im Gasthaus. Der Wirt, ein alter Mann, über den man sich nur wundern konnte, wie er in der Lage war, sein Gasthaus zu führen, besah sie mit kennzeichnendem Blick. Sein Urteil über sie war rasch gefällt. 

»Habt ihr ein Zimmer für die Nacht?«, fragte sie mit Messersschärfe in der Stimme. »Ihr habt Glück«, antwortete der Wirt. »Eigentlich sollte ein Nichtsnutz heute ankommen. Doch er kam nicht. Ihr könnt sein Zimmer haben.« 

»Gut, doch vorher brauche ich etwas zu essen.« Sie verschlang das Essen, trank dazu etwas, das schmeckte, als hätte es bereits jemand zuvor getrunken, und ging dann schlafen. Am nächsten Morgen, nach reichlich Schlaf, fühlte sie sich wie neu geboren. Nicht weit vom Gasthaus lag ein Wasserfall. Eine Gelegenheit, ihren schmutzigen Körper zu waschen. 

Sie legte all ihre Kleider ab und verstaute ihr gesamtes Hab und Gut so sicher, wie sie konnte. Den Busch, unter den sie alles legte, würde sie keinen Moment aus den Augen lassen. Als sie in das eiskalte Wasser eintauchte, war sie sofort hellwach. Sie spürte den Sog des Wassers. Und, wie gut es sich anfühlte, den fließenden Bewegungen nachzugeben, die das Schwimmen erfordert. Anders als an Land, gibt es im Wasser weniger Widerstand. Es lehrt einen, sich dem Willen des Wassers zu beugen, den eigenen Widerstand aufzugeben und sich hinzugeben. Es macht keinen Sinn, gegen einen Strom zu schwimmen. Man wird verlieren. 

Im Wasser, wie im Leben. 

Sie sah ihn erst nicht, dann war es bereits zu spät. Der Mann, der ihr gestern den Weg zum Gasthaus erklärte: Er stand am Ufer. Zog sich ebenfalls aus und sprang ins Wasser. »Seht an, wie war Eure Nacht im Gasthaus?«, sagte er keuchend, als sie sich im Wasser begegneten. Sie hatte keinerlei Interesse an einer Konversation. Doch etwas in ihrem Körper hatte andere Pläne. Im Grunde sind wir Tiere. Tiere mit körperlichen Bedürfnissen. Im seichteren Wasser, wo sie beide stehen konnten, liebten sie sich. Sie spürte seine Männlichkeit tief in sich. Und genoss es für einen Augenblick, nicht zu denken. Ein flüchtiger Augenblick der Hingabe. Wahrscheinlich hat sie das Wasser weichgemacht. Als sie fertig waren, verschwand jeder seiner Wege. Sie hatte kein Interesse an ihm. Nur an seinem Körper. Und das war gestillt. 

Einige Zeit später

Sie wusste nicht wieso. Konnte keinen vernünftigen Grund finden, warum sie an diesem Tag an die Tür des Klosters der Mönche klopfte. Seit zwei Tagen war sie in der Gegend. Fand einen Lagerplatz in den Bergen. Konnte die Mönche sehen, wenn sie Wasser holten oder ihren körperlichen Betätigungen nachgingen. 

Ein paar Tage danach klopfte sie an die große, rote Tür des Klosters. Ein Mönch öffnete, besah sie mit musterndem Blick. Sie gab ihm zu verstehen, dass sie eintreten wolle. Mit sanftem aber klaren Blick verneinte er und sagte: »Im Kloster sind keine Frauen erlaubt«. Langsam schloss er die große Tür, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Wut stieg in ihr auf. Sie wusste nicht warum, aber sie fühlte, dass ihr Weg in diesem Kloster weitergeht. 

Am nächsten Tag stand sie wieder vor der großen, roten Tür. Sie klopfte an, der selbe Mann öffnete. Wieder ließ er sie nicht eintreten. Es ist ein reiner Männerorden. Enttäuscht und wütend ging sie zu ihrem Lagerplatz. Sie war weiterhin nicht bereit aufzugeben. Sicher, der Mann, der ihr öffnete, war klar in dem, was er sagte. Doch am Ende würde ihre Klarheit, in dieses Kloster zu kommen, siegen. Da war sie sich sicher. Das Spiel wiederholte sich. Tagein, tagaus. Sie beschloss, ihren Lagerplatz direkt vor die Tore des Klosters zu verlegen. So konnten sie nicht ignorieren. Dadurch erhöhte sie unweigerlich den Druck. In den ersten Tagen, gingen sie einfach an ihr vorbei. Doch nach ein paar Tagen, blickten sie die ersten Mönche an. Sie gaben ihr zu essen und zu trinken. Doch sie ließen sie nicht in das Kloster eintreten. Keine Frauen erlaubt. 

Am einunddreißigsten Tag öffnete sich morgens die Tür des Klosters. Sie hatte nicht angeklopft, es ging von selbst auf. Der erste Mönch, der Leiter des Klosters, stand vor ihr. Seine Präsenz machte etwas mit ihr. Man spürte seine Weisheit, ohne, dass er ein Wort sagte. Ob er kam, um sie endgültig zu verjagen? Würde er ihr drohen, sie solle sich einen anderen Platz suchen? Ihr noch einmal erklären, dass sie nicht eintreten durfte? Stattdessen stand er einfach vor ihr. Sagte kein Wort. Blickte ihr stattdessen in ihre schlaftrunkenen Augen. Es verging ein Moment, von dem sie nicht sagen konnte, ob er eine Minute, eine Stunde oder einen Tag dauerte. Dann folgte eine Geste, fast unmerklich, gerade so, dass sie sie wahrnahm. Er bedeutete ihr, mit ihm zu kommen. Ins Kloster. 

Drinnen angekommen, staunte sie über den Anmut des Klosters. Die Außenmauern hatten ihre besten Tage bereits hinter sich. Doch drinnen erblickte sie nun die schönsten Ornamente und Verzierungen. Alles war aufgeräumt, sauber und von solcher Schönheit, dass es ihr die Sprache verschlug. Sie schleppte ihre Sachen und ging zwei Schritte hinter dem Meister her. Er führte sie in sein Zimmer. Es war voller Bücher, das Fenster war einen Spalt geöffnet. Man hatte einen wunderbaren Blick ins Tal und die Berge. Er bedeutete ihr, sich zu setzen. 

»Winde formen uns. Es macht keinen Sinn, gegen sie anzukämpfen. Derjenige, der sich im Widerstand gegen die Winde seines Lebens befindet, wird scheitern. Er wird abbrechen wie ein morscher Baum. Stellen wir uns den Winden des Lebens jedoch flexibel, das heißt in Annahme und Akzeptanz jeder Situation, werden wir zu Kriegerinnen und Kriegern der Winde. Der Krieger in uns erwacht nicht im Kampf. Nicht im Widerstand. Er erwacht durch unsere Flexibilität, mit jeder Lebenssituation umzugehen.« 

Sie lauschte andächtig. Zum ersten Mal war von ihrer forschen Art nichts mehr zu spüren. Sie hatte Respekt vor dem Meistern, seinem Raum und den Worten, die er gerade sprach. Sie ließ sie wirken. Dann sprach sie: »Ist ein Fels nicht in der Lage, dem Wind zu trotzen? Ist es nicht manchmal im Leben erforderlich, zu einem Felsen zu werden, der jedem Wind standhalten kann? Säße ich hier, wenn ich flexibel gewesen wäre, als mich die Mönche dieses Klosters jeden Tag verjagen wollten?«. Schärfe und Klarheit lagen in ihrer Stimme.   

Der Meister besah sie. Ein lächeln formte sich auf seinen Lippen, ehe er sagte: »Du hast deine Winde genutzt um zu zeigen, aus welchem Holz du gemacht bist. Wärest du starr gewesen, wärest du fortgegangen. Du standest sowohl in den Winden, als hast du dich ihnen auch hingegeben. Du bist einer der seltenen Menschen, die Stürme aushalten können. Das brachte mich zum Nachdenken. Die Mönche sind gute Menschen. Sie taten nur die Folge, was in unsrer Tradition seit Jahrtausenden gilt.« 

»Und ließet mich dreißig Tage bei Eiseskälte vor der Tür schmoren«, sagte sie trotzig. Im Zimmer war es warm, ein Feuer brannte. Man konnte den Bäumen den herannahenden Herbst ansehen. Bald würde es so kalt werden, dass sie kaum Gelegenheit gehabt hätte, rechtzeitig in wärmere Gefilde zu gelangen. Die Gefahr, hier oben in den Bergen zu erfrieren, war real. »Durch deinen Mut hast du mir eine Lektion erteilt: Manchmal ist es an der Zeit, alte Traditionen hinter sich zu lassen. Du bist fortan Teil dieses Klosters. Willkommen, Kriegerin der Winde. Mahub wird dir gleich dein Zimmer zeigen.« 

Ein schlacksiger Mann in Mönchskutte erschien wie auf Kommando aus dem Nichts. 

Er wollte ihre Sachen nehmen, doch sie schlug ihm auf die Hand. Der Meister schmunzelte. Sie war ein ungeschliffener Diamant. Er würde ihr zeigen, mit ihrer Kraft umzugehen. Von nun an, hatte sein Kloster eine Kriegerin der Winde. Sie würde die Mönche lehren, mit den Winden des Lebens umzugehen. 

FIN