Kosmischer Sex und Katzenfutter
Nach sieben Dating-Flops und einem grauen Alltag wagt Monika das Unvorstellbare: eine LSD-Reise auf ihrer Couch. Was als Flucht beginnt, wird zur Erinnerung an ihre wahre Herkunft. Eine sinnlich-spirituelle Geschichte über Vergessen, Erwachen – und das Spiel des Lebens.
Ihre letzte Chance, einen Mann zu finden, versiebte nach dem siebten Datingflop in Folge. Offenbar war sie einfach nicht dafür gemacht, die große Liebe zu finden. Kein Haus. Kein Traumprinz. Keine Kinder. Mit achtunddreißig Jahren konnte sie nichts von der To-do-Liste abhaken, was andere in ihrem Alter längst erreicht haben.
Immerhin hatte sie ihren Job. Ein paar Freunde. Etwas Familie. Eine Wohnung. Und eine Katze. Zählte das etwas? In der äußeren Welt, in der Materialismus über allem anderen steht, offenbar nicht. Zumindest fühlte sie sich wie eine Versagerin. Auf ganzer Linie.
Was hatte sie in achtunddreißig Lebensjahren vorzuweisen?
Sie machte es sich auf ihrem Sofa gemütlich. Wie jeden Abend. Netflix. Nach einer halben Stunde einschlafen. Morgen früh wieder los in den Großstadtdschungel. U-Bahn, S-Bahn, Leben vorbei.
Abends: Dosenfutter für sie und ihre Katze. Netflix, eine halbe Stunde später Schnarchen.
Oder…
Sie würde es wagen. War heute der Abend? Ihre Freundin steckte ihr neulich ein kleines Tütchen zu. Darin befanden sich zwei Pillen LSD. Kein originales LSD. Das war schließlich verboten. Es ist ein Derivat: 1P-LSD. Gleiche Wirkung, kein Betäubungsmittelgesetz. Eine Gesetzeslücke, die sogar ein Startup für sich besetzte und psychedelische Mittel der Allgemeinheit zur Verfügung stellen will. Und eine Menge Geld damit verdienen.
Nein. Sie konnte es nicht. LSD? Sie? Niemals. Sie ging zur Toilette. Danach würde sie sich aufs Sofa setzen. Ihre Serie schauen. Einschlafen, nachts um zwei aufwachen, ins Bett wandeln wie eine Tote und morgen den ganzen Tag mit anderen Toten verbringen.
Während sie dies denkt, öffnet sie das Tütchen von ihrer Freundin. Was hatte sie noch gesagt? Eine Pille. Auf keinen Fall alle zwei Pillen gleichzeitig.
Sie schluckt eine der Pillen, trinkt einen großen Schluck Wasser dazu und fragt sich, ob sie den Verstand verloren hat. Dann setzt sie sich auf ihre Couch, wartet, was geschieht. Eine halbe Stunde lang, passiert gar nichts.
Einzig ihre Wahrnehmung verändert sich leicht. Ihr ist es, als sähe sie die Farben ihrer Decke deutlicher. Halt. Seit wann hatte ihre Zimmerdecke überhaupt Farbe?! Oh. Irgendwas stimmte nicht.
Das Nächste, an das sie sich erinnerte, war, wie sie sich vollkommen auflöste. Kein Körper. Keine Wohnung. Keine Katze. Kein nichts. Also genau genommen wusste sie, dass sie sie war. Und in ihrer Wohnung auf der Couch lag. Sie wusste nur nicht mehr, wozu. Wozu sie auf dieser Couch lag. Und wer der Mensch war, der das LSD zu sich nahm.
Sie spürte sich. Ohne Mensch sein zu müssen. Ohne Job. Ohne Haustier. Ohne Rechnungen. Sie spürte auch die Umwelt. Jeden Vogel, jeden Baum. Klar. Normal. Natürlich spürte sie sie. Warum auch nicht? Oder… irgendetwas war seltsam. Irgendwas stimmte nicht. Alles war doch wie immer. Oder…
In dem Moment wurde es ihr bewusst: Sie war ja gerade Mensch. Wie konnte sie das vergessen? Klar. Sie war Monika. Lebte in München. Sie konnte sich sogar an ihr Alter erinnern: achtundreißig. »Ach ja, stimmt. Hier gibt es ja Zeit«, hallte es in ihr. Irgendwo dort, wo sonst ihre Gedanken waren.
Sie glitt immer höher, weiter weg von der Erde. Wusste, sie war nicht nur Teil der Erde, sie war ihr Schöpfer. Klar. Damals. Als es ihr zu langweilig wurde in ihrer Vollkommenheit, entschied sie sich für ein kleines Experiment. Sie wollte wissen, wie weit sie gehen konnte. Ohne sich zu vergessen. Die erste Erfahrung war wunderbar. Sie erschuf alles Mögliche, direkt aus sich selbst heraus. Ganze Planeten. Galaxien. Den Orbit. Sonne, Mond. Die Erde. Dann erhöhte sie ihren Einsatz. Sie wollte von Mal zu Mal etwas weiter von sich selbst gehen. Wann würde sie das Unmögliche schaffen und sich selbst vergessen? Hihi. Der Gedanke gefiel ihr, dass ihr Experiment geglückt war. Monika hatte wirklich so gar keine Ahnung, dass sie selbst es war, die alles erschaffen hatte, was es gibt. Und dass Monika ein Teil von allem war, das jemals existierte. Nein, nein. Monika glaubte allen Ernstes, sie sei eine Büroangestellte in einem langweiligen Job ohne Freude, ohne Sex, ohne Spaß. Apropos Sex: Dieses arme Geschöpf hatte so lange keinen wirklichen Sex mehr. Nicht den Sex der Erde. Den kosmischen Sex. Die Energie, aus der sie gemacht war.
Nun erlebte sie eine gewaltige Entladung orgasmischer Energie. Es war ein Ganzkörperorgasmus. Vollkommene Ekstase. Oder mit anderen Worten: Das was Monika ist, wenn sie nicht Monika ist.
Wow. Was für eine Erfahrung. Mensch zu sein. Materie. Andere Menschen berühren zu können. Sich an einen Baum lehnen, Sonnenstrahlen auf der Haut spüren können. Atemberaubend.
Monika war auf ihrem High. Ein High der Erinnerung. An sich selbst. Ehe sie Mensch wurde. Plötzlich war sie sich wieder allem bewusst: Dass sie ein gewaltiges Spiel spielte. Politik erschuf, Medien erschuf, Schulen erschuf. Ablenkung und Angst in ihre Welt schrieb. Alles nur, damit sie selbst noch etwas schlafen kann. Um zu vergessen, dass es nur sie selbst gibt. Immer geben wird.
Sie spielte ein Spiel mit Krieg, Gewalt, Exzessen und Ekstasen. Geld, Macht und Intrigen. Sie war Regisseurin, Leinwand und Spielerin. Alles in einem.
Der Peak des Trips flachte ab. Monika wurde ganz ruhig. Nach allem, was sie erlebte, wunderte sie sich, was nun noch in ihrem Leben geschehen könne. Sie wusste ja nun Bescheid. Was sollte also noch schiefgehen? Von nun an war sie erwacht in ihrem Spiel und ganz versessen darauf, ihr Leben von Grund auf umzukrempeln. Nun, da sie wusste, dass sie alles ist, was jemals existierte und existieren wird, war es Zeit, ihr Leben im Dornröschenschlaf zu beenden.
Es kam allerdings anders: Die Zeit kam zurück. Und mit ihr: Das Vergessen. Stück für Stück vergaß Monika sich wieder selbst. Wer sie in Wahrheit ist. Was es mit ihrem Leben auf sich hat. Dass der Sinn des Lebens nicht darin liegt, Rechnungen zu zahlen, sondern sich selbst zu erfahren. In den buntesten Farben. Dass alles, was schwer ist, von ihr selbst kam. Um sich davon abzuhalten, aufzuwachen in ihrem Spiel.
Es dauerte noch eine gewisse Zeit und Monika schlief wieder in ihrem Spiel. Tief und fest.
Stunden später erwachte sie als Monika auf ihrer Couch. Was für ein Traum. Dann fiel es ihr wieder ein: Sie hatte LSD genommen. War sie vollkommen verrückt geworden?! Zum Glück gab es keinerlei Nebenwirkungen. Sie fühlte sich etwas schwach auf den Beinen, hatte Kopfschmerzen. Aber das war alles erträglich. Was war das für ein verrückter Traum?
Verwirrt stapfte sie in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank es auf Ex.
Danach machte sie sich fertig und legte sich in ihr Bett. Schließlich hatte sie einen Job und musste morgen früh wieder um Punkt acht Uhr im Büro sein, um ihrem Job nachzugehen.
LSD? Was für eine verrückte Idee…